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Edradour, small but mighty – Andrew Symingtons Schmuckstück

Die Perthshire Distillery Edradour zählt zu den schönsten Brennereien Schottlands. Ihre historische Anlage begeistert jedes Jahr zehntausende Besucher, die das Kleinod in den Hügeln von Pitlochry gerne besuchen. Edradour, das ist gelebte Geschichte.

Es ist auch kein Wunder, denn die pittoreske Anlage entführt ihre Gäste in das 19. Jahrhundert. Aus der Farm-Distillery entwickelte sich unter der Leitung von Andrew Symington ein Schmuckstück. Die früheren Floor Maltings und der Kiln wurden renoviert und zu einem erstklassigen Besucherzentrum mit einer musealen Präsentation ausgebaut. Hinter den Toren des ehemaligen Warehouses verbirgt sich eine modern ausgestattete Konzerthalle, die mehr als 200 Personen Platz bietet. Es ist daher auch kein Wunder, das der aus der Nachbarschaft in Dunkeld stammende weltbekannte Folksinger Dougie Maclean und das Perthshire Amber Music Festival dort oft zu Gast sind. Für viele ist es kaum zu glauben, hinter dieser Location verstecken sich weitere Warehouses, die sich harmonisch in den kleinen Glen einfügen.

Dort schlummern neben den Edradour-Kreationen ebenfalls die Schätze Symingtons. Der aus Edinburgh stammende Symington hatte mit seinen Signatory Fassabfüllungen in den vergangenen 25 Jahren Furore gemacht und den Markt der Independent Bottlers mit seinen Qualitätsansprüchen neu definiert. Es gelingt ihm heute immer wieder, mit außergewöhnlichen Abfüllungen die Whiskygemeinde zu überraschen. Andrew Symington hat alle Produktionsprozesse im Auge, der Manager wacht in seinem modernen Abfüllbetrieb über jede neue Release.

Andrew Symington sagt selbstbewusst: „Meine Kunden sollen die optimale Qualität im Glase spüren, denn insbesondere bei der Abfüllungen ist auf größte Sauberkeit zu achten, denn es dürfen sich keine Aromen und Geschmäcker des vorher abgefüllten Whiskies einmischen.“

Die Highland Distillery Edradour gehört zu den wenigen familiengeführten unabhängigen Brennereien in Schottland.

Geschichtliches

„Whisky, es gibt wieder Whisky!“ Ein heftiges Lauffeuer erreichte die Ohren der Bewohner der kleinen äußeren Hebriden Insel Eriskay im westlichen Schottland im Februar 1941. Auch auf den Nachbarinseln verbreitete sich die überraschende Nachricht schnell. Hatte man doch wegen des Krieges auf den geliebten wee dram, den Schluck Whisky schon lange verzichten müssen.

Was war geschehen? Auf ihren Weg von Liverpool nach New Orleans war die S.S. Politician während orkanartiger Stürme vor den cottages der Insulander gestrandet. Die wertvolle Ladung von 28.000 Kisten Scotch Whisky wurde sogleich das Ziel ihrer Begierde. „264 000 Flaschen dürfen nicht im Meer versinken!“ Ein wahrlich grauenvoller Gedanke in jener alkoholtrockenen Zeit. Bekannte Whiskies, darunter The Antiquary, White Horse, Johnnie Walker oder King George IV, mussten gerettet werden. Massenweise kamen die Männer von Barra, Uist, Lewis und Mull, um die köstlichen drams aus dem sinkenden Schiff zu bergen. Für die Insulaner war es kein Diebstahl, denn gestrandete Schiffe galten nach altem Brauch als Allgemeingut. Sie machten schließlich einfach nur das, was sie schon seit Jahrhunderten taten. Ihre „Plünderung“ sollte sie allerdings nicht glücklich werden lassen, denn neben großen Summen von frisch gedruckten Banknoten für Jamaika, war es eben der unverzollte Whisky, der die Officers of Customs and Excise, die Zoll und Alkoholsteuerbeamten, nach Eriskay brachte. Sie suchten nach den 290 000 Zehn-Schilling-Noten, rund 145 000 Pfund, des Crown Office. Ein Großteil des Whiskies und des Geldes konnte aus den Verstecken geborgen werden. Doch fast ein Drittel der Jamaican Ten Shilling Notes blieb bis heute verschollen. Ein gerichtliches Nachspiel hatte die Bergung des Whiskies für einige Männer aus Barra, sie wurden für ihren „Diebstahl“ zu Geldstrafen oder Gefängnisstrafen verurteilt. Noch heute liegt das Wrack der S.S. Politician vor der Eriskay-Küste unter der Wasseroberfläche verborgen.

Jahre später wurden die stürmischen Ereignisse um „Polly“ von Compton Mackenzie im Roman Whisky Galore amüsant nacherzählt. Sie waren 1949 die Grundlage für den gleichnamigen sehr erfolgreichen und empfehlenswerten Comedy Film der Londoner Ealing Studios.

Highland’s Gem Edradour

Teile der Top-Whisky-Ladung der SS Politician kamen damals indirekt von der Edradour Distillery in Perthshire, denn der Blended Scotch Whisky mit dem Namen King’s Ransom wurde seit 1933 vom Besitzer Edradours, William Whiteley aus Leith, als Glenforres Glenlivet Blend vermarktet. Heute ist sie die letzte originale Bauernhof-Destillerie Schottlands. „Die sieht aber süß aus,“ freute sich Sigi W. als sie die „niedlichen“ Häuser sah. Kein Wunder, denn wie sie zieht es mehr als 100 000 Besucher jährlich in dieses romantisch-pittoreske Schmuckstück ländlicher Destillierkunst nach Eadar da dhobhhar, zum Bach des Königs Edred (gälisch). Der Landwirt John McGlashan und seine sieben Kollegen dachten 1825 bei der Gründung ihrer Whisky-Genossenschaft Glenforres wohl nicht daran, dass einmal eine Bus-Armada den Weg zur Southern Highland Distillery finden würde. Die Whisky-Touristen kommen aus Amerika, Europa und Asien. Es ist ja auch kein Wunder, denn Edradour liegt verkehrsgünstig in der Nähe des touristisch sehr populären Pitlochry auf dem Weg von Edinburgh nach Inverness.

Schottland-Fans sehen die viktorianischen Anlagen, staunen über eine mehr als hunderjährige aus Guss gegossene offene mash tun mit rakes. Sie bewundern den einzigen in der Whisky- und Bierindustrie heute noch betriebenen Patented Morton Refridgerator. Der 1934 hergestellte kupferne Kühler wurde 2009 durch ein 75 000 € teueres Replikat aus stainless steel ersetzt. Wie früher kühlt diese viktorianische Technologie die worts oder Würze von rund 60 oC auf 18 oC – 22 oC herunter, bevor sie mit 25 kg Distiller’s Yeast in den zwei kleinen hölzernen 6 500 Liter-Gärbottichen angesetzt wird. Aus der zuckerhaltigen Flüssigkeit entsteht durch die Hefe in zwei Tagen ein Bier, das die Schotten wash nennen, mit einer Alkoholstärke von rund 8 % vol. Der Guide erklärt den Besuchern stolz das traditionelle Verfahren der zweistufigen Destillation in den kupfernen Brennblasen:

„Zuerst stellen wir in der größeren roten pot still den Rohbrand, die low wines, mit einer Alkoholstärke von 23 % vol. her. In der zweiten kleineren blauen pot still wird der Feinbrand destilliert. Er hat drei Teile. Der Vorlauf enthält Aromen und Alkohole, die stechend sind, sie erinnern an Klebstoffe. Dieser wird in den Rohbrand-Behälter, in dem sich die low wines befinden, zurückgeleitet. Wichtig ist uns der Mittellauf, das Herzstück, the heart of the run, mit 70 bis 71 % vol., der Nachlauf oder feints enthält für die Aromen eher abträgliche Fuselöle, daher wird dieser Teil in den Rohbrand-Behälter zurückgeführt.“

Selbst die Kondensierer sind historisch. Sie stammen aus dem Jahre 1910 und zählen zu den ältesten heute noch im Betrieb befindlichen seltenen traditionellen worm tanks. Die Brennstätte ist kein Museum, hier wird von Woche zu Woche gearbeitet. Die Whisky-Neugierigen riechen das Gerstenmalz, schmecken das säuerliche obergärige Bier, das zuerst in der kleinen 4 218 Liter fassenden kupfernen Brennblase und danach in der halb so großen 2179 Liter spirit still destilliert wird. Sie spüren die Hitze wenn Alkohol und Waser voneinander getrennt werden, denn Alkohol verdampft erst bei 78,3 oC. Bei zu großer Neugier verbrennen sich die Unvorsichtigen leicht an den heißen kupfernen Kesseln mit immerhin über 95 oC Betriebstemperatur.

Andrew Symington, der überaus erfolgreiche unabhängige Whiskyabfüller und Chef der Signatory Vintage Scotch Whisky Co. Ltd., war mit seinen neuen Marketingideen und dem innovativen Verkauf von damals eher seltenen Fassabfüllungen in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts zu Ruhm und Geld gekommen. Schottischen Whisky gab es wegen einer Überproduktion im Überfluss, die Folge war ein Loch of Whisky, ein Whiskysee. Die Destillerien verkauften bereitwillig ihre gefüllten Fässer an unabhängige Abfüller. Andrew hatte bereits als 25-jähriger ein Fass mit 1968er The Glenlivet erworben und dieses abgefüllt in 280 Flaschen im Sommer 1988 gewinnbringend vermarktet. Sein instinktives Gespür für einen neuen Trend des Whisky Marktes machte den ehemaligen Hotelfachmann schnell zum zweitgrößten independent bottler Schottlands. Seine preisgünstigen Abfüllungen der Un-Chill-Filtered Collection und hochpreisigen Cask Strength Collection (in Fass-Stärke) wurden von den Whisky-Enthusiasten weltweit nicht nur bejubelt, sondern auch sehr gerne getrunken. Symingtons treffliche Nase für Qualität und Originalität war die Grundlage für den wirtschaftlichen Erfolg.

Mit wachsender Reputation nahm sein Traum von einer eigenen Brennerei immer mehr Gestalt an. Mehrere Fehlversuche, eine eigene Distillery zu erwerben, darunter die Orkney Distillery Scapa, die Highland Distillery Glenturret oder die Islay Distillery Ardbeg, konnten ihn keinesfalls entmutigen. Er wartete auf den entscheidenden Moment. Endlich, 2002 erfüllte sich sein Traum. Der Global Player Pernod Ricard und Besitzer von Chivas Brothers (darunter The Glenlivet Distillery), verkaufte für 5,4 Millionen Pfund Schottlands kleinste kommerziell arbeitende Whisky Brennerei an den Gründer der Signatory Vintage Scotch Whisky Company.

Andrew war selbst erstaunt und überrascht wie einfach und schnell sich der Verkauf innerhalb von „…five minutes…“ vollzog: „It’s great to be bringing Edradour back to Scottish Ownership, as it is one of the few farmhouse distilleries still round…This is a dream come true for me really.“

Das Glück sollte Symington weiter begleiten. Iain Henderson, ehemaliger Laphroaig Distillery Manager, verhalf in der neuen Produktionsphase zu ansprechenden und überzeugenden Qualitätsstandards. Mit seiner Kompetenz und fast 40-jährigen Whisky-Historie wurden die Prozesse mashing, brewing und distillation optimiert. Seine Veränderungen schufen die Basis für einen nachhaltigen Erfolg Edradours. Zum aktuellen Team gehören neben Symington als Manager noch zwei weitere Mitarbeiter: „Seit März 2011 arbeiten wir sechs Tage die Woche und füllen entweder 7 Sherry-Fässer, 14 Hogheads (je 250 l) oder 20 Bourbon-Fässer. Im Jahr kommen so rund 90 000 Liter zusammen, die seit 2010 in eigenen Warehouses am Produktionsort in Eichenholzfässern zu Whisky heranreifen.“

„Unsere Single Malts entfalten sich sehr gut in first-fill Bourbon-Fässern verschiedener amerikanischer Brennereien und vor allem in frischen Sherry-Fässern aus der andalusischen Bodega Miquel Martin,“ beschreibt Andrew den Reifungsprozess.

Daher ist es kein Wunder, dass im neuen Warehouse neben den amerikanischen 200 Liter Bourbon-Fässern auch 500 Liter Sherry butts in großer Zahl zu finden sind. Bis zu 8000 Fässer lagern hier nach der traditionellen Dunnage-Methode, d.h. nur drei Fässer liegen übereinander. ‚Malthead’ Andrew Symington experimentiert mit der Reifung seines new spirit in frischen Weinfässern aus Frankreich sowie aus dem portugiesischen Porto, den sogenannten Port pipes. Nach Jahren der Lagerung im Bourbon-Fass erfolgt eine Nachreifung in einem Burgunder Weinfass, um so den Whisky mit weinigen Aromen zu schönen und seinen Charakter für Nase und Zunge zu verfeinern. „75% der Aromen und des Geschmacks erhalten unsere Whiskies im Fass,“ hebt Andrew hervor. Selbst Nachreifungen in Tokaier-Weinfässern sind heute in seinem Portfolio zu finden.

Zahllose leere Fässer deuten es an, der Whisky wird an Ort und Stelle in einer modernen bottling hall abgefüllt. Darunter finden sich Fässer, die sich mit ihren verschiedenen Fassaufschriften wie ein who is who der schottischen Distilleries lesen. Whisky-Nasen entdecken staunend bei ihrem Rundgang andere namhafte schottische Brennereien, denn der unabhängige bottler füllt nicht nur seine Edradour Whiskies, sondern auch die Signatory Bottlings in einer automated bottling line ab.

In der kleinen viktorianischen Anlage brannte Iain Henderson im Frühjahr 2003 von März bis Mai eine rauchige Variante des Edradour Single Malts. Diese wird seit 2006 unter dem Label Ballechin abgefüllt. Mit starken 50 ppm Rauchanteilen bei der Mälzung näherte sich Henderson damit den charaktervollen „most richly flavoured“ Single Malts seiner früheren Wirkungsstätte auf der Isle of Islay an. 2007 wurde eine rauchige Variante abgefüllt, die ausschließlich in Fässern aus Madeira zur Reife gelangte. Die Namensgebung für die rauchigen Ballechin Single Malts war eine Reminiszenz an eine der 15 ehemaligen Farm House Distilleries der Pitlochry-Region. Eine davon liegt in der Nähe von Aberfeldy, ihr Feuer erlosch aber bereits 1927. Verfallende malt barns und bonded warehouses an der A827 zeugen noch heute vom einstigen bäuerlichen Brennort.

Auszug aus einem Artikel von Ernie – Ernst J. Scheiner, der im vierteljährlich erscheinenden Irland Journal 2012 erschien. Mit freundlicher Genehmigung des Christian Ludwig Verlags, Moers.

Information: Einen virtuellen Besuch Edradours ermöglicht The Gateway to Distilleries.

Ernie - Ernst J. Scheiner

Ernie - Ernst J. Scheiner

Ernst J. Scheiner ist der Herausgeber des Portals The Gateway to Distilleries und hat über 140 Destillerien fotografisch von innen dokumentiert sowie ihre Produktion beschrieben. Seit seinem Studium an der University of Edinburgh befasst er sich mit Whisky und publiziert in englisch- und deutschsprachigen Blogs sowie Magazinen über schottische und irische Destillerien. Als Whisk(e)y-Botschafter führt er Tasting-Kollegs und Studienreisen für Einrichtungen der Erwachsenenbildung sowie für das EBZ Irland durch.
Ernie - Ernst J. Scheiner
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