Notes

Der Whisky kommt mir spanisch vor: Embrujo de Granada

Ja, auch die Spanier destillieren Whisky und das sogar als Single Malt. Relativ häufig sind dabei die Whiskys von DYC anzutreffen, dank des Vertriebs durch Beam Suntory. Die meisten aus dieser Reihe sind allerdings Blends, aber es gibt auch einen Pure Malt und einen 10jährigen Single Malt.

Und es gibt noch eine zweite, viel kleinere Brennerei namens Destilerias Liber. Deren Geschichte lässt sich auf Deutsch bei den Kollegen von Whisky und Whiskey nachlesen, die sogar noch Fotos der Brennblasen und des Fasslagers bieten können. Die dort verlinkte Website und die Videos auf YouTube sind eher so mittel und auch die Rezension des Whiskys namens Embrujo de Granada durch whiskyfun.com lässt eigentlich wenig Gutes erwarten. Trotzdem war ich neugierig geworden und als ein Kollege seinen Urlaub in Spanien verbracht hat war das die perfekte Möglichkeit, mir eine Flasche mitbringen zu lassen (Danke Michael!).

Aber machen wir uns selbst ein Bild. Verpackung und Flasche sind richtig nett gestaltet und ragen aus dem Einheitsbrei der Standardflaschen deutlich heraus. Die Farbe ist recht dunkel (Lagerung in Sherry-Fässern aus amerikanischer Eiche) und der Geruch erst einmal ungewöhnlich. Sehr verschlossen, irgendwie modrig und so etwas wie kalter Zigarrenrauch im Hintergrund. Und eine gewisse säuerliche Maische-Note, wie sie für junge Whiskys (er ist nur ca. 5 Jahre alt) typisch ist. Im Mund finde ich ihn recht angenehm, fruchtig und süß und nur ganz im Hintergrund wieder eine leichte Rauchnote. Der Abgang kann dann die Jugend nicht mehr verbergen, recht alkoholisch aber gleichzeitig recht lang und es verbleibt eine Note am Gaumen, die etwas von Zigarrenasche hat.

Das klingt im ersten Moment vielleicht nicht sonderlich angenehm, ist es aber durchaus. Er ist bei weitem nicht so langweilig und gleichförmig, wie es viele junge deutsche Whiskys sind. Er hat einen ganz eigenen Stil, viel Fasseinfluss und durch die Zigarren-/Asche-Note bekommt er Charakter. Es wäre interessant zu sehen, wie er mit 8 oder 10 Jahren schmeckt.

Serge hat ihm nur 55 Punkte gegeben, das finde ich dann doch ein zu hartes Urteil, zumal ein stinklangweiliger Slyrs von ihm fast 80 Punkte erhält. Ich würde diplomatische 70 Punkte vergeben, ihn dem Slyrs aber jederzeit vorziehen. Nicht weil er besser wäre, sondern weil er interessanter ist. Und ganz nebenbei: Er hat 25 € gekostet…

Jörg Bechtold

Jörg Bechtold

Jörg Bechtold beschäftigt sich seit mehr als 15 Jahren mit Single Malt Whisky. Auf mehreren Reisen nach Schottland hat er Land und Leute kennen gelernt sowie viele Destillerien besucht. Seit 2002 betreibt er die WHISKYFANPAGE.DE, seit 2006 dieses Blog und ist außerdem als Referent für Whisky-Tastings tätig.
Jörg Bechtold
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