Wissen

Paul P. John – Whisky-Spezialitäten aus Goa in Indien

Von Ernie – Ernst J. Scheiner, The Gateway to Distilleries

Der im Land der Literatur, der Legenden, des Kautschuks und der Seen – Kottayam – im südwestlichen indischen Bundesstaat Kerala geborene 51 Jahre alte Paul P. John begann seine Whisky-Karriere mit der Produktion eines Indian Made Foreign Liquour (IMFL). Es ist die indische Interpretation eines Whiskys, der sich in der Regel aus einem in Destillierkolonnen gefertigten hochprozentigen Industriealkohol ENA – Extra Neutral Alcohol – zusammensetzt. Ausgangsmaterial für den ENA ist vorwiegend eine Melasse aus einem in Indien bestens wachsenden Zuckerrohr. Diese massenweise produzierten billigen Neutral-Spirits sind die Ausgangsbasis für die in den Blending-Laboren mit künstlichen Aroma- und Farbstoff modifizierten Spirituosen wie Whisky, Rum, Brandy, Gin und Wodka.

In den Regalen der wenigen in Indien lizenzierten Liquor Shops tummelt sich eine kaum noch zu überschauende Masse an verschiedenen alkoholischen Getränken aus dem gleichen Grundstoff, die von Indern gerne, aber viel getrunken werden. Die beliebtesten Indian Whiskies Officer’s Choice, McDowell’s No. 1, Imperial Blue, Royal Stag, Original Choice und Bagpiper konkurrieren mit Old Monk Rum, Blue Riband Gin oder White Mischief Vodka um die Gunst der Verbraucher. Indien ist der weltgrößte Markt für Whisky-typische Spirituosen.

„Seit 2002 plante ich, einen Indian Malt Whisky zu produzieren. 2005 nahmen die Pläne ernste Strukturen an. 2008 sprudelte der erste Malt Spirit durch den Spirit Safe unserer Brennerei,“ erklärt der dynamische und innovative CEO der Paul John Distilleries mit Sitz in Bangalore, Karnataka, „wir beabsichtigten in den Premium-Markt einzusteigen.“ Mittlerweile stehen Paul John Malt Whiskys in den Fachgeschäften von über dreißig internationalen Märkten. Fast monatlich kommen neue Vertriebsgebiete hinzu.

Eine indische Spezialität IMFL

Das neueste John-Produkt wird in Indien durchaus üblichen 90 ml und 180 ml große Tetrapak-Tüten abgepackt. Der 42,8 % Vol. kräftige Bangalore Malt (engl. für Hindi Bengaluru) wird seit 2013 im Bundesstaat Karnataka vertrieben. Die Zielgruppe, die untere und mittlere Mittelschicht, soll nach dem Willen Paul P. Johns allmählich für den Genuss von höherwertigen Single Malts aufgeschlossen werden. 2015 belief sich der jährliche Umsatz dieses günstigen sogenannten Bangalore Malt auf zehn Millionen Liter bei einer Wachstumsquote von sage und schreibe 47 %. Der von Pernod Ricard weltweit vertriebene schottische Single Malt Glenlivet lag bei einem jährlichen Umsatz von 10,8 Millionen Litern.

Vergangenes Jahr katapultierte sich der Umsatz des Bangalore Malts nochmals um beachtliche 87,36 % auf 18,5 Millionen Liter hoch und überholte damit in der Weltrangliste die etablierten Whisky-Marken Canadian Club, White Horse oder Buchanan’s. Der ‚Indian Brand Champion’ Bangalore Malt wäre somit der weltweit meistverkaufte Malt Whisky, wenn es denn tatsächlich ein echter Malt Whisky was er mit seinem Titel ja eigentlich suggeriert. Bangalore Malt Whisky ist allerdings lediglich eine Marke. Verkauft wird eine nach indischen Regeln aus ENA hergestellter IFML, der mit künstlichen Aroma- und Geschmackstoffen sowie mit Zukerkulör schlichtweg einen Gerstenmalz-Whisky imitiert. „Ein kleiner Prozentteil Malt Whisky wird zugefügt, um dem Getränk etwas Charakter zu geben. It’s a Blended Whisky,“ meint Master Blender Michael d’ Souza.

Eine indische Erfolgsstory

Anfang 2012 wurden nur rund tausend Nine-Litre-Cases von der Paul John Distillery in einigen Märkten außer Indien vertrieben, 2015 waren es nach eigenen Angaben bereits über 20 000 Cases. Mittlerweile werden Teile des Paul John Portfolios sowie ein spezieller Malt auch in im weltgrößten Whisky-Markt Indien vertrieben. Der Malt liegt im für Indien günstigen Preissegment. Nicht nur Wohlverdiener können sich dieses Produkt bei einem Preis von 3500 bis 4000 Rupien leisten. „Wir begannen in den Metropolen Mumbai und Delhi mit dem Verkauf,“ erzählt Paul John, „…allerdings müssen wir meine Landsleute hinsichtlich der Single Malts weiterbilden, denn der Genuss meiner höherwertigen Produkte soll im Vordergrund stehen, sie sollen nicht, wie das bei uns üblich ist, mit Soda herunter geschüttet werden.“

Der Handel ist für Spirituosenhändler in Indien nicht einfach. Oft unlösbare Probleme bereiten ihnen die innerstaatlichen Steuer- und Alkoholgesetze. Im nationalen Vertrieb von Spirituosen stellen die sehr unterschiedlichen gesetzlichen Bestimmungen in den 29 Bundesstaaten eine kaum zu entwirrende Barriere dar. Hohe Kosten sind die Folge. Ein Hersteller sieht sich bereits mit dem Entwurf eines Labels wegen der komplizierten gesetzlich vorgeschriebenen Angaben mit einem rechtlichen Minenfeld konfrontiert. Weiterhin müssen beispielsweise Proben der in Indien vertriebenen Whiskys der Food and Standards Authority of India zur Prüfung und Abnahme angestellt werden. Aus diesen Gründen ist ein Paul John Single Malt Whisky nur in wenigen Bundesstaaten erhältlich.

Seit 2010 ist Indien der weltgrößte Absatzmarkt für Whisky, mehr als 50 % der weltweit produzierten Whiskys werden in Mumbai im Norden bis Chennai im Südosten konsumiert. Nach China ist dieser weltweit der wichtigste Spirituosenmarkt.

Indiens Klima privilegiert die Reifung von Whiskys in hervorragender Weise. Internationale Blindverkostungen überraschen die Juroren. Die Kompetenz der Brennmeister und Master Blender mündet in Single Malts, die sich auf dem gleichen Niveau bewegen wie die Premiumprodukte aus Schottland, Japan, Taiwan oder gar der Bretagne.

Es ist daher kein Wunder, dass der Autor der Whisky Bible, Jim Murray, in seiner neuesten Ausgabe 2018 einen siebenjährigen in amerikanischen first-fill Bourbon Fässern gereiften Paul John Kanya Single Malt (50 % vol.) in zum Asian Whisky of the Year 2018 auslobte.

Ein typischer Inder? Wie schmeckt er?

Nur 216 Flaschen von diesem selbstverständlich nicht kühlgefilterten mit einer natürlichen Fassstärke von 57,67 % Vol. abgefüllten Single Malt kamen exklusiv auf den deutschen Markt. Die Farbe erinnert an Apfelsaft. Der Alkohol ist überraschend gut eingebunden und entfaltet keinerlei stechende Noten in der Nase des wohl vierjährigen Whiskys. Der doppelt aus einer sechsreihigen nordindischen Gerste destillierte bereits trinkreife Malt präsentiert sich erstaunlich frisch, fruchtig – es sind vorwiegend helle Früchte – durchmischt mit einem komplexen blumigen Bouquet. Vanille und Honig wetteifern in der Nase. Ein minimaler Rauchton sowie im Hintergrund auftretende Holznoten machen ihn interessant und spannend.

Die frische Süße von karamellisiertem Zucker begeistert auf der Zunge mit kräftigen Malznoten, wobei diese in eine adstringierende von Tanninen verursachte Würzigkeit überleiten. Pfeffertöne entfalten sich explosionsartig und wirken intensiv, die Fruchtnoten hallen lange nach. Der Abgang des erstaunlich weichen im Bourbon-Fass gereiften Gerstenbrands ist trocken und knackig.

Trotz der relativ hohen Alkoholkonzentration lässt er sich gut ohne die Zugabe von – destilliertem – Wasser genießen. Mit Wasser öffnen sich tropische Aromen von hellen Früchten und frischen floralen Noten, die lange im Mundraum anhalten. Dieser Whisky beeindruckt mit seiner aromatischen Vielfalt und bestätigt eine meisterliche langsame Destillation sowie die privilegierte Reifung im vorwiegend feucht-warmen Klima Indiens. Nase und Zunge werden von dieser eleganten und harmonischen Paul John-Einzelfassabfüllung keineswegs enttäuscht, jede Probe eröffnet neue anregende Eindrücke. Es ist ein spannender indischer Single Malt.

Preis: ca. 140,00 Euro.

In der Herbstausgabe des Whiskymagazins The Highland Herold können Sie sich ausführlich über die Entstehung der Paul John Single Malts informieren.

Wie schmeckt ein John Paul peated Single Malt?

Die Einzelfassabfüllung „Selected exclusively for Germany“ wurde aus dem Cask P 745 genommen. Lediglich 156 Flaschen kamen von diesem aus einer sechsreihigen nordindischen Gerste destillierte Malt im Juni 2016 in natürlicher Fassstärke von 58,2 Vol. nicht kühlgefiltert in die deutschen Fachgeschäfte. Das Malz wurde bis zu 35ppm Rauchanteilen getorft. Der Peat-Cocktail setzte sich aus einer von Michael d’ Souza entwickelten Rezeptur Peterhead- und Islay-Torf zusammen. Reifen durfte das zweifach in Pot Stills gebrannte Destillat in einem first-fill Bourbon-Fass. Das Alter liegt wohl zwischen drei bis vier Jahren.

Im Glas erscheint der Whisky Mahagoni-farbig mit klaren Reflexen. Erstaunlich und überraschend gut ist die gelungene Einbindung der hohen Alkoholkonzentration in die vielschichtige Aromastruktur des Whiskys. Das Besondere, keine stechende Noten behindern den Zugang. Ein interessantes Spektrum angenehmer, keinesfalls aggressiver, Raucheindrücke umschmeichelt die Nase. Die Rauchnoten werden im Hintergrund von einer opulenten fruchtigen Süße getragen, in die sich Anklänge von reifen Aprikosen mit Blumendüften, etwas trockenes Gras und Holz einmischen.

Die erste aromatische Begegnung erfreut und setzt sich auf der Zunge harmonisch positiv fort. Eine cremige Süße leitet allmählich in eine nicht allzu kräftige Würzigkeit und Schärfe – es ist nicht der Alkohol – über, die ebenso an gedünstete Ingwerscheiben wie auch an frisch gemahlenen schwarzen indischen Pfeffer erinnern. Im Nachklang bleibt er etwas trocken. Die Gewürz-Eindrücke werden von einer fruchtigen Süße nachhaltig begleitet, die anschließend geschmacklich in die Wahrnehmung eine Milchschokolade überleitet.

Fazit: Es ist ein gelungener harmonischer, runder und ausgewogener indischer Whisky mit angenehmen, nicht aufdringlichen, sich allmählich entfaltenden Rauchnoten. Er lässt sich trotz der hohen Alkoholkonzentration ohne die Zugabe von Wasser genießen und bereitet Nase und Zunge viele erfreuliche Eindrücke.

Preis: ca. 140,00 Euro.

Ernie - Ernst J. Scheiner

Ernie - Ernst J. Scheiner

Ernst J. Scheiner ist der Herausgeber des Portals The Gateway to Distilleries und hat über 140 Destillerien fotografisch von innen dokumentiert sowie ihre Produktion beschrieben. Seit seinem Studium an der University of Edinburgh befasst er sich mit Whisky und publiziert in englisch- und deutschsprachigen Blogs sowie Magazinen über schottische und irische Destillerien. Als Whisk(e)y-Botschafter führt er Tasting-Kollegs und Studienreisen für Einrichtungen der Erwachsenenbildung sowie für das EBZ Irland durch.
Ernie - Ernst J. Scheiner
Scroll Up