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Oldie but Goldie? Warum älter nicht immer besser ist…

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Letz­ten Monat hat sich Ernie Schei­ner in sei­nem Arti­kel Rare Glen Grant Vin­ta­ges: Schme­cken alte Whis­kys? Destil­la­te aus den 50er und 60er Jah­ren ange­schaut und sehr posi­tiv bewertet.

Aber sind älte­re Whis­kys auto­ma­tisch bes­ser als jün­ge­re? Ich habe mir zu mei­nem 45. Geburts­tag im letz­ten Jahr einen Port Askaig 45 geleis­tet. Ich hat­te vor­her schon die Gele­gen­heit, einen Dram davon zu pro­bie­ren und war schwer begeis­tert. Rund, weich, das Alter deut­lich zu schme­cken. Als ich die Fla­sche dann hat­te und auf­ge­ris­sen habe, war ich erst ein­mal enttäuscht.

Er war immer noch rund und weich, aber fast zu sehr. Ich spür­te immer noch das Alter, aber geht das ande­ren auch so? Und ist er sei­nen Preis wirk­lich wert? In der Whis­ky­ba­se wird er mit durch­schnitt­lich 90 Punk­ten bewer­tet, das ist mehr als respektabel.

Also habe ich einen Ver­such gemacht. Ich habe eini­ge Blind­sam­ples abge­füllt und an mei­ne Freun­de ver­teilt. Alles Leu­te, die seit Jah­ren teu­ren Whis­ky trin­ken und sich wirk­lich aus­ken­nen. Kei­ner kam auch nur in die Nähe der Wahr­heit. Weni­ge waren rich­tig begeis­tert von dem Whis­ky, fast allen war er zu „lasch“ (er hat nach der lan­gen Lager­zeit nur noch 40,8%) und den Bun­nah­ab­hain, der angeb­lich drin sein soll, hat auch kei­ner ver­mu­tet. Wir reden von einem Whis­ky, von dem 5 cl etwa 100 € kosten.

War­um ist das so? Zum einen des­halb, weil wir Whis­ky sel­ten objek­tiv bewer­ten. In dem Arti­kel Whis­ky ana­ly­sie­ren oder Whis­ky genie­ßen? habe ich das schon mal ange­spro­chen (und auch bereits den Port Askaig 45 als Bei­spiel genannt). Und bei einem Blind­sam­ple ist man meis­tens kri­ti­scher als bei einer nor­ma­len Probe.

Es hat aber auch noch einen ande­ren Grund. Die meis­ten Whis­kys wer­den (oder wur­den, wie man lei­der sagen muss) in einem Alter zwi­schen 10 und 20 Jah­ren abge­füllt. Wenn das Destil­lat ins Fass kommt, braucht es eine gewis­se Zeit, bis es die Aro­men des Holz­fas­ses (und des­sen letz­ter Befül­lung) auf­ge­nom­men hat, bis das Holz uner­wünsch­te Stof­fe aus dem Destil­lat aus­ge­fil­tert hat, bis sich alles mit­ein­an­der ver­bun­den hat. Das alles nennt man Rei­fung. Am Anfang der Rei­fung behält das Destil­lat die Ober­hand, am Ende gewinnt das Fass. Der idea­le Punkt für die Abfül­lung liegt irgend­wo dazwischen.

Jim McE­wan, legen­dä­rer Mas­ter Distil­ler von Bow­mo­re und Bruichlad­dich und gebo­re­ner Show­man, hat es ein­mal (sinn­ge­mäß) so ausgedrückt:

„Beim Whis­ky ist es wie bei den Men­schen. Sie errei­chen ihren kör­per­li­chen Höhe­punkt, wenn sie gera­de so erwach­sen sind.“

Also irgend­wo zwi­schen 18 und 25. Und man muss es auch mal so sehen: Wenn Destil­lat und Fäs­ser so aus­ge­legt sind, dass sie nor­ma­ler­wei­se mit 12–15 Jah­ren abfüll­reif sind, war­um gibt es dann 45jährige Whiskys?

Weil nicht alle Fäs­ser gleich gut rei­fen. Holz ist ein Natur­pro­dukt und man kann nie wis­sen, unter wel­chen Bedin­gun­gen der jewei­li­ge Teil des Bau­mes gewach­sen ist. Viel­leicht stam­men die Dau­ben auch von unter­schied­li­chen Bäu­men, aus ande­rem Kli­ma, und so weiter…

Erst wenn der Whis­ky im Fass liegt und jedes Jahr pro­biert wird, kann der Mas­ter Blen­der ent­schei­den, wel­ches Fass wann abge­füllt wird. Kann man ihn noch ein Jahr lie­gen las­sen? Und noch eins? Und noch eins? Liegt ein Whis­ky 45 Jah­re im Fass und schmeckt immer noch nicht hol­zig, dann war es ent­we­der ein sehr schlech­tes Fass (schlecht im Sin­ne von gerin­ge Aro­men­ab­ga­be) oder ein zum x‑ten Mal wie­der befüll­tes. Oder ein sehr gro­ßes, wo die Rei­fung lang­sa­mer läuft (Bun­nah­ab­hain benutzt zum Bei­spiel haupt­säch­lich Sher­ry Butts mit 500 Litern). Oder alles zusammen.

Ist ein alter Whis­ky aus einem „schlech­ten“ Fass bes­ser als ein jun­ger aus einem „guten“ Fass? Er ist anders. Alter ist durch nichts zu erset­zen und man kann es tat­säch­lich schme­cken, ähn­lich wie der ver­wand­te Old Bot­t­le Effect von sehr lan­ge in einer Fla­sche gela­ger­ten (jung abge­füll­ten) Whiskys.

Und trotz­dem wer­den die Erwar­tun­gen oft ent­täuscht. Denn alten Whis­kys fehlt meist die Sprit­zig­keit der jun­gen. Die Kraft. Die Alko­hol­stär­ke. Ein alter Ard­beg, Laphro­aig oder Talis­ker ist etwas unglaub­lich gutes, aber weit ent­fernt von den jun­gen wil­den Torf­mons­tern, die sonst aus die­sen Destil­le­rien kom­men. Und viel teurer.

Daher kann man sie schlecht ver­glei­chen. Man kann sie nur pro­bie­ren. Wenn Ihr die Gele­gen­heit dazu bekommt, tut es. Alte Whis­kys sind oft fan­tas­tisch, aber nichts für jeden Tag. Und lie­gen von Preis-Leis­tungs­ver­hält­nis her meis­tens jen­seits von Gut und Böse.

Ich hat­te vor ein paar Jah­ren bei Cha­let Ding­ler in Karls­ru­he meh­re­re Ver­ti­cal-Tas­tings mit Whis­kys von Glen­li­vet durch­ge­führt. Glen­li­vet 12, 15 French Oak, 16 Nàdurra, 18, 21, 25. Gewon­nen hat fast immer der (damals noch) 16jährige Nàdurra, manch­mal der 21jährige. War­um? Der Nàdurra hat Fass­stär­ke, ist unge­fil­tert und bie­tet selbst stark ver­dünnt noch mehr Aro­ma als alle ande­ren zusam­men und das zu einem ver­nünf­ti­gen Preis. Der Glen­li­vet 21 hat durch einen hohen Bour­bon­fass-Anteil noch viel von den jün­ge­ren im Geschmack. Der French Oak ist durch die fri­schen Limou­sin-Eichen­fäs­ser sehr hol­zig und vanil­lig, die 18- und 25jährigen haben (zu) star­ken Sher­ry-Ein­fluss und der 25jährige war schon damals den meis­ten viel zu teuer.

Es ist wie so oft im Leben: Nicht die Extre­me sind das erstre­bens­wer­te, son­dern die aus­ge­gli­che­ne Balan­ce dazwischen.


Jörg Bechtold beschäftigt sich seit Ende der 90er Jahre mit Single Malt Whisky. Auf mehreren Reisen nach Schottland hat er Land und Leute kennengelernt sowie viele Destillerien besucht. 2002 hatte er die WHISKYFANPAGE.DE begründet, seit 2006 schreibt er dieses Blog und ist außerdem als Referent für Whisky-Tastings tätig.