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Gordon & MacPhail. The Older, the Better. 80 Jahre im Sherry Butt, eine Sensation.

Stephen Rankin und Christoph Kirsch

von Ernie Schei­ner, The Gate­way to Distilleries

Stephen Rankin und Christoph KirschIn der Main­me­tro­po­le Frank­furt prä­sen­tier­te Ste­phen Ran­kin, Direc­tor of Pres­ti­ge von Gor­don & MacPhail, zusam­men mit Impor­teur Chris­toph Kirsch, den ältes­ten bis­her abge­füll­ten Sin­gle Malt Schott­lands: einen Glen­li­vet aus dem Jah­re 1940. Es war des­sen Euro­pa-Pre­mie­re zu der Kirsch Import Jour­na­lis­ten und Fach­händ­ler aus Deutsch­land und Öster­reich in das exklu­si­ve Le Pan­ther-Ambi­en­te ein­lud. Gleich zu Beginn stell­te Ste­phen Ran­kin, Reprä­sen­tant der vier­ten Genera­ti­on der Inha­ber­fa­mi­lie des welt­be­kann­ten Pre­mi­um Abfül­lers aus Elgin, die ein­zig­ar­ti­ge Whis­ky-Pre­zio­se vor.

Menü WhiskykochAnschlie­ßend kom­po­nier­te der ver­sier­te Darm­städ­ter Whis­ky-Koch Chris Pep­per, ein aro­ma – und geschmacks­kom­ple­men­tä­res Menu zu drei klas­si­schen G & M Abfül­lun­gen: Glen­li­vet 33 Year Old, 49,2 % vol, Mor­t­lach 15 Year Old, 46 % vol und Glen Keith 21 Year Old, 56 % vol. Ros­ma­rin Tar­te, Hirsch Medail­lons, Varia­tio­nen von gel­ber Frucht und Kokos­nuss ent­zück­ten kuli­na­risch die Gäs­te sowie Ste­phen Rankin.

Anfänge

Seit Jahrz­en­ten ist der welt­weit geschätz­te unab­hän­gi­ge Blen­der und Abfül­ler Gor­don & MacPhail der Lie­fe­rant von ein­zig­ar­ti­gen Whis­kys. Er ist bekannt dafür, dass er im Gegen­satz zu den vie­len ande­ren heu­te täti­gen Inde­pen­dent Bot­t­lers in der Regel kei­ne bereits gereif­ten Whis­kys von den Bren­ne­rei­en erwirbt. Fast 95 % der Bestän­de wur­den und wer­den von Genera­ti­on zu Genera­ti­on grund­sätz­lich als Fresh Spi­rit gekauft und danach in eige­nen dafür aus­ge­wähl­ten Eichen­holz­fäs­sern aus­ge­baut. Das Zau­ber­wort Wood Manage­ment war und ist den Urquharts seit jeher ein Begriff und Ver­pflich­tung zugleich. Am Fir­men­sitz in Elgin ruhen rund 7 000 bis 8 000 Fäs­ser in Bond­ed Steel­rack and Dun­na­ge Wareh­ouses.

Gegrün­det wur­de das noch heu­te im Fami­li­en­be­sitz befind­li­che Unter­neh­men im Jah­re 1895 in Elgin, wo bis heu­te das his­to­ri­sche Stamm­ge­schäft der Gro­cers, Tea, Wine & Sprit Mer­chants in der South Street liegt. Seit den Anfän­gen kön­nen dort Kun­den neben Ham, Ched­dar und Angus Beef ihren Spe­cial Whis­ky erwer­ben. Bis in die 1990er Jah­re und bis zum Beginn des Inter­net-Han­dels war das Geschäft in der South Street für Whis­ky­lieb­ha­ber oft die ein­zi­ge Adres­se, wo sie Whis­kies bestimm­ter Destil­le­rien über­haupt erst kau­fen konn­ten. Gor­don & MacPhail ver­leg­te bei­spiels­wei­se Whis­kys der Distil­le­ries Mor­t­lach, Pul­te­ney oder Impe­ri­al, die damals kei­nen eige­nen Ver­trieb hat­ten. Nur in gut­sor­tier­ten Spi­ri­tuo­sen-Geschäf­ten des deut­schen Fach­han­dels gab es zu jener Zeit eini­ge weni­ge Pro­duk­te aus Elgin. Mitt­ler­wei­le sind meh­re­re Fami­li­en­mit­glie­der der vier­ten Genera­ti­on in das Manage­ment des Betriebs eingebunden.

Gordon & MacPhail‘s Generations Series

Als John Urquhart einen am 15. Okto­ber 1939 in der Spey­si­de Distil­le­ry Mor­t­lach destil­lier­ten New Make in ein first-fill Sher­ry-Hogs­head zur Rei­fung leg­te, ahn­te er nicht, dass sei­ne Nach­fah­ren den Sin­gle Malt Scotch Whis­ky erst sieb­zig Jah­re spä­ter ver­kau­fen. „Bei Gor­don & MacPhail wird ein Whis­ky von einer Genera­ti­on nie­der­ge­legt und von der nächs­ten oder über­nächs­ten Genera­ti­on abge­füllt,“ erklär­te der dama­li­ge CEO Micha­el Urquhart die Fir­men­phi­lo­so­phie. Im März 2010 hat­ten die Nach­fah­ren von John Urquhart den bis dahin ältes­ten jemals in Schott­land auf die Fla­sche gezo­ge­nen Whis­ky im Edin­burgh Cast­le einem exqui­si­ten Kreis prä­sen­tiert. Der Mor­t­lach-Methu­sa­lem war in Sekun­den ausverkauft.

Wei­te­re ulti­ma­ti­ve Rare Old Cask Genera­ti­ons Bott­lings folg­ten: Ein Glen­li­vet Sin­gle Malt 70 Year Old, destil­liert im Jah­re 1940, aus einem Sher­ry-Fass spru­del­te er am 7. Sep­tem­ber 2010 mit natür­li­cher Fass­stär­ke von 45,9 %. Ein jahr­gangs­glei­cher sieb­zig­jäh­ri­ger Glen­li­vet folg­te zwei Jah­re dar­auf mit 45,7 % vol. Vor sechs Jah­ren erschien ein 75-jäh­ri­ger Mor­t­lach im Ver­trieb, den Still­men einst am 17. Sep­tem­ber 1939 in Duff­town destil­liert hat­ten. Ledig­lich 100 hoch­prei­si­ge geschlif­fe­ne Dekan­ter mit 200 ml 44,4 % vol star­kem Mor­t­lach erreich­ten den glo­ba­len Handel.

Die Sensation

George UrquhartAls am Sams­tag, den 3. Febru­ar 1940 Geor­ge Urquhart von der zwei­ten Genera­ti­on der Whis­ky-Dynas­tie einen Glen­li­vet New Make Spi­rit in ein Eichen­fass fül­len ließ, prä­ju­di­zier­te der Whis­ky- und Wein­groß­händ­ler die sich eta­blie­ren­de Fami­li­en­phi­lo­so­phie: „The future is shaped by what you do today.“ Zukünf­ti­ge Genera­tio­nen soll­ten ent­schei­den, wann der Glen­li­vet Sin­gle Malt abzu­fül­len wäre, ihm war viel­leicht bewusst, dass er die Fla­schen­ab­fül­lung nicht mehr erle­ben würde.

Bli­cken wir zurück. Es waren die dar­ben­den Jah­re des sich anbah­nen­den Welt­kriegs. Zeit­gleich geschah Grau­sa­mes nur weni­ge Mei­len vor der schot­ti­schen Nord­see­küs­te. Deut­sche Flie­ger tor­pe­dier­ten an jenem Wochen­en­de bri­ti­sche Kriegs- und Fracht­schif­fe. Sie tra­fen ein Boot der Roy­al Navy nahe Fra­ser­burgh. Nur 100 km von Elgin ent­fernt star­ben 53 Mann Besat­zung in den Flu­ten. Die faschis­ti­schen Kriegs­trei­ber freu­te es. Fami­li­en wein­ten bit­ter­lich. Unsag­ba­res Kriegs­leid und radi­ka­le Zer­stö­rung, began­nen all­mäh­lich im Früh­jahr 1940 wei­te­re Tei­le Euro­pas zu erfas­sen. Geor­ge Urquhart konn­te nicht ahnen, dass sein Nach­fah­re Ste­phen 81 Jah­re spä­ter den Glen­li­vet Sin­gle Malt einer aus­ge­wähl­ten Schar von deut­schen, öster­rei­chi­schen Jour­na­lis­ten und Händ­lern in Frank­furt vor­stel­len würde.

Bei Gor­don & MacPhail füll­ten die Wareh­ouse­men an jenem Kriegs­tag meh­re­re Fäs­ser mit dem New Make Spi­rit in der redu­zier­ten Alko­hol­stär­ke von 63,5 % vol aus der Spey­si­de Distil­le­ry Glen­li­vet. Das Destil­lat redu­zier­ten sie laut Ste­phen Ran­kin auf eine Alko­hol­stär­ke von 63,5 % vol. Unter den zu fül­len­den Fäs­sern war ein fri­sches first-Fill Sher­ry Butt in dem zuvor ein Olo­ro­so Sher­ry aus der Bode­ga Wil­liams & Hum­bert – Her­stel­ler von Dry Sack Sher­ry – nach Schott­land kam. Den tro­cke­nen Olo­ro­so füll­ten G & M für den Han­del in Fla­schen. Spa­ni­sche Küfer hat­ten einst das Fass mit der Nr. 340 aus luft­ge­trock­ne­ten, sehr dicken Eichen­holz­dau­ben auf­ge­baut. Wann und wo das geschah, wel­che Tonele­ria aus dem Sher­ry Tri­ang­le San­lú­car de Bar­ra­me­da, Jerez de la Fron­te­ra oder El Puer­to de San­ta Maria das Butt band, liegt im Dunk­len ver­bor­gen. Der spa­ni­sche Bür­ger­krieg sowie die Bedro­hung der Schiff­fahrts­we­ge nach Schott­land erschwer­ten, bzw. ver­hin­der­ten den Export von Sher­ry Fäs­sern. Immer sel­te­ner kamen sie per Schiff nach Leith Har­bour. Von dort führ­te ihr Weg mit Dampf­zü­gen nach Elgin in die Speyside.

Woher kommt das Fass? Vermutungen

Laut Ste­phen Ran­kin kam das Eichen­holz in Stäm­men aus Ame­ri­ka. Dort wuch­sen die Eichen in Wäl­dern seit Mit­te des 19. Jhds. „Archi­va­re der Bode­ga Wil­liams & Hum­bert geben als Pflanz­zeit Queen Vic­to­ri­as Hoch­zeit mit Prinz Albert um 1840 an.“ Ver­mut­lich acht­zig Jah­re und län­ger wuch­sen die Eichen her­an, bevor anda­lu­si­sche Küfer deren fein­po­ri­ges, sehr dich­tes Holz von höchs­ter Qua­li­tät für den Fass­bau ver­wen­den konnten.

Ver­mut­lich war das 500 Liter gro­ße Fass zunächst als Ship­ping Cask für den Export eines Sher­rys nach Bris­tol, Lon­don, Leith, Glas­gow oder Elgin vor­ge­se­hen. „Die Dau­ben sind zwei­ein­halb Inch dick, denn das Fass muss­te sehr sta­bil sein, um den Trans­port per Schiff, Zug und Pfer­de­kar­ren ohne Lecks und Scha­den zu über­ste­hen,“ erklär­te Ste­phen Ran­kin. Oft wur­den Trans­port Casks zur Ver­gä­rung des Mosts ein­ge­setzt, umso den frisch getoas­te­ten Dau­ben die Schär­fe der Tan­ni­ne zu neh­men, die sich wäh­rend der lan­gen Zeit des Trans­ports auf einen gereif­ten Sher­ry nach­tei­lig aus­wir­ken kön­nen. Jun­ge sich erst ent­wi­ckeln­de Wei­ne – Sobret­ablas – nah­men den Fäs­sern die Schär­fe bevor sie die Ship­ping Bode­ga für den Ver­sand mit gereif­ten Sher­rys befüll­te. Die Rei­se von Cadiz nach Schott­land konn­te drei und mehr Mona­te dauern.

NB: Sher­ry-Expor­te in Fäs­sern sind seit der Mit­te der 1970er unter­sagt, sie­he hier­zu aus­führ­lich den Arti­kel Mythos Sher­ry im The High­land Herold, Som­mer­aus­ga­be 2018

Der Fassdeckel gibt Hinweise auf den Ursprung

Fassdeckel Sherry ButtAuf­trag­ge­ber war der nach eini­gen Aus­sa­gen seit 1900 in El Puer­to de San­ta Maria akti­ve Export­händ­ler José Rami­rez. Vor­sorg­lich soll­ten der in den Fass­de­ckel ein­ge­schnitz­te Bode­ga-Name die geo­gra­phi­sche Her­kunft des Sher­rys-Her­stel­lers sicher­stel­len. Genau­es wis­sen wir aller­dings nicht. Ver­mut­lich wur­de das fünf­hun­dert Liter Fass von José Rami­rez an die Bode­ga Wil­liams & Hum­bert in Jerez wei­ter­ge­reicht. Die Oeno­lo­gen der seit 1877 erfolg­reich von Eng­län­dern geführ­ten Pro­duc­tion and Ship­ping Bode­ga hat­ten mög­li­cher­wei­se das Rami­rez-Fass, Nr. 340, eben­falls zum Aus­bau von Sher­rys ver­wen­det oder gar sogleich, was wahr­schein­li­cher sein könn­te, als Trans­port Cask – span. Bota Chi­ca – mit gereif­tem Olo­ro­so von Rami­rez oder ihrem eige­nen direkt nach Schott­land ver­schifft. In den schwie­ri­gen Zei­ten freu­te sich Emp­fän­ger Geor­ge Urquhart über die Ankunft der immer sel­te­ner wer­den­den Lie­fe­rung aus Andalusien.

Belegt ist, dass in dem Fass mit Namen Jose Rami­rez Puer­to de San­ta Maria die Bode­ga Wil­liams & Hum­bert tat­säch­lich einen Sher­ry der Sor­te Olo­ro­so nach Schott­land schick­te, der ver­mut­lich im Jahr 1939 oder spä­tes­tens im Janu­ar 1940 nach Elgin zu Gor­don & MacPhail kam. Der Sher­ry wur­de dort sogleich für den Ver­kauf in Fla­schen gefüllt. Waren es gar meh­re­re Sher­ry-Fäs­ser, die in die Stadt mit der archi­tek­to­nisch reiz­vol­len Kir­chen­rui­ne kamen? Die doku­men­tier­te Abfüll­his­to­rie von G & M lässt die­se Annah­me zu, denn Glen­li­vet Destil­la­te aus dem Her­stel­lungs­jahr 1940 beleg­ten meh­re­re first-fill Sher­ry-Fäs­ser in den Dun­na­ge Wareh­ouses in Elgin. So erschien 1982 mit dem Glen­li­vet Ori­gi­nalla­bel eine 40 % vol-Abfül­lung in der Stan­dard­fla­sche. Die Serie Cel­tic Seri­es Book of Kells schmück­te sich mit einem fünf­zig Jah­re alten Glen­li­vet der seit 3. Febru­ar 1940 (sie­he das glei­che Füll­da­tum, Fass Nr. 340 oben) in ein first-fill Sher­ry-Cask im G & M Wareh­ouse heranreifte.

Der New Make Spi­rit stamm­te aus der 1823 offi­zi­ell lega­li­sier­ten Bren­ne­rei Glen­li­vet und konn­te trotz der Kriegs­wir­ren von den Mal­t­men, Mash­men und Still­men her­ge­stellt wer­den, obwohl 1940 das Minis­try of Food die Ver­sor­gung der Bren­ne­rei mit Gers­te um ein Drit­tel kürz­te. Zu jener Zeit wur­de die Gers­te auf den eige­nen Floor Mal­tings selbst gemälzt. Der hei­mi­sche Torf vom Fea­e­mus­sach Torf­feld brach­te Rauch­aro­men in das Destil­lat, das Still­men in zwei direkt mit Koh­le befeu­er­ten Brenn­bla­sen­paa­ren brann­ten. Die Gegend um die Malt­barns füll­te sich wäh­rend der win­ter­li­chen Jah­res­zeit mit dem Schwe­fel­rauch der offe­nen Kamin­feu­er der umlie­gen­den Häu­ser von Drum­nin. „Es stank nach Rauch, schlech­ter Koh­le, die rau­chen­den­den Feu­er der Brenn­bla­sen und der Kilns schu­fen eine schmut­zi­ge Atmo­sphä­re,“ erin­nert Ste­phen Rankin.Den robus­ten New Make von zwei Brenn­bla­sen­paa­ren kon­den­sier­ten außen­lie­gen­de tra­di­tio­nel­le Worm Tubs. „Alles war damals rei­ne schweiß­trei­ben­de Hand­ar­beit,“ betont Ran­kin. Heu­te arbei­ten die Mash und Still­men im Akkord, sie­ben Tage die Woche, 24 Stun­den am Tag und betrei­ben mit Hil­fe einer Com­pu­ter­steue­rung 28 indi­rekt mit Dampf beheiz­te Brenn­bla­sen. Rund 21 Mil­lio­nen Liter Sin­gle Malt Spi­rit aus Indus­trie­malz mit 2–3 ppm Phe­n­o­len spru­deln durch die Spi­rits Safes. Innen­ste­hen­de Röh­ren­küh­ler aus Kup­fer kon­den­sie­ren das Alko­holdampf­ge­misch. Der hohe Kup­fer­kon­takt des Alko­hol­ab­triebs garan­tiert ein rei­nes und sau­be­res Destil­lat. Die Aro­ma­struk­tur des 2021-er New Make Spi­rit ist im Ver­gleich zu 1940 eine voll­kom­men ande­re, weni­ger kom­plex und weni­ger rau.

Der Ertrag

Acht­zig Jah­re lag das Butt in den Lager­häu­sern in Elgin. Am 5. Febru­ar 2020 ent­leer­te Ope­ra­ti­ons Direc­tor Stuart Urquhart das am 3. Febru­ar 1940 gefüll­te ehe­ma­li­ge Sher­ry-Butt Nr 340. Auf des­sen Deckel stand in wei­ßer Schrift zu lesen: „Geo & JG Smith The Glen­li­vet Distil­le­ry 340 1940 111“. Neben der Fass­num­mer erfah­ren wir das Jahr der Befül­lung sowie die tat­säch­li­che Füll­men­ge von 111 Bri­tish Impe­ri­al Gal­lons (eine Gal­lo­ne 4,55 Liter), das sind umge­rech­net in der Sum­me 504,6 Liter. Die rea­le Fass­stär­ke des acht­zig jäh­ri­gen Sin­gle Mal­ts lag nach acht­zig Jah­ren Rei­fe­zeit bei Ent­lee­rung immer­hin noch bei 44,9 % vol.

Stephen Rankin

„Die­se Alko­hol­kon­zen­tra­ti­on ist das Ergeb­nis einer ruhi­gen und sorg­fäl­ti­gen boden­na­hen Lage­rung in unse­ren Dun­na­ge Wareh­ouses in Elgin. Das för­der­li­che Mikro­kli­ma in den Lager­häu­sern gestat­tet uns eine sehr lan­ge Rei­fe­zeit, das Butt war sehr, sehr dicht,“ freut sich Ste­phen Ran­kin. Die Tem­pe­ra­tur­schwan­kun­gen in ihren Wareh­ouses sei sehr gering (Jah­res­durch­schnitt liegt bei 10 Grad Cel­si­us), erfah­rungs­ge­mäß alte­re ein Spi­rit im gro­ßen Sher­ry Butt sowie­so lang­sa­mer, der Ver­lust von Was­ser und Alko­hol sei dort gleich­mä­ßi­ger und daher ver­län­ge­re sich die Rei­fe­zeit um vie­le Jah­re. „Wenn die Ober­flä­che des Whis­kys im Fass im Ver­hält­nis zur Füll­men­ge zu groß wird, ent­schei­den wir uns zur Abfül­lung, denn der im Fass wir­ken­de Sauer­stoff, ver­än­dert all­mäh­lich den Whis­ky abträg­lich,“ fügt der Direc­tor of Pres­ti­ge hin­zu, „…Die ursprüng­li­che Fass­füll­stär­ke lag bei rund 63,5 % vol.“

Ausblick

Sir David AdjayeWelt­weit kom­men 250 mund­ge­bla­se­ne Glen­cairn Kris­tall Karaf­fen mit jeweils 700 ml 80-jäh­ri­gem Glen­li­vet Sin­gle Malt in den Ver­kauf. Der renom­mier­te Archi­tekt und Desi­gner Sir David Adjaye ent­warf die reprä­sen­ta­ti­ve Holz­ver­pa­ckung und das exklu­si­ve mund­ge­bla­se­ne Gebin­de. Die Karaf­fe mit Nr. 1 wird exklu­siv am 7. Okto­ber 2021 bei Sotheby’s in Hong Kong ver­stei­gert. Der Erlös, nach Abzug der Selbst­kos­ten, wird der schot­ti­schen Stif­tung Trees for Life zukom­men, die es sich zur Auf­ga­be gestellt hat, den Cale­do­ni­an Forest wie­der auf­zu­fors­ten. Der oder die Meist­bie­ten­de wird zusätz­lich mit dem Ori­gi­nal Fass­de­ckel­kopf no. 340 sowie mit einer vom Desi­gner signier­ten Litho­gra­phie des Pla­nungs­ent­wurfs belohnt. Ein wei­te­res High­light wird eine Ver­kos­tung von sel­te­nen Whis­ky-Pre­zio­sen mit Ste­phen Ran­kin in Lon­don sein.

Wie schmeckt nun ein 80-jähriger Single Malt?

Vor­be­rei­tung am Mor­gen: kei­ne Zahn­pas­ta, kei­ne Dusche, kein Deodo­rant, kei­nen Kaf­fee oder gar Crois­sant oder eine abträg­li­che Ziga­ret­te, nüch­tern eben. Der Mund wird ledig­lich mit stil­lem Was­ser gespült. Bereit­stel­lung von dünn­wan­di­gen Rona-Glä­sern, Pipet­te und destil­lier­tem Wasser.

Die Erwartung

Gordon & MacPhail 80 Jahre Glenlivet 1940 GlencairnGro­ße Freu­de kommt auf, die Span­nung und Erwar­tungs­hal­tung wächst. Mir wird bewusst, es ist ein Ereig­nis, das in einem Whis­ky-Leben höchst sel­ten statt­fin­det. Es ist ein Pri­vi­leg und eine Ehre, den ältes­ten bis­her in Schott­land abge­füll­ten Sin­gle Malt ver­kos­ten und genie­ßen zu dür­fen. Als am 3. Febru­ar 1940 das Glen­li­vet Gers­ten­de­stil­lat in das anda­lu­si­sche Sher­ry Butt kam, war mein Vater zwei­und­zwan­zig Jah­re alt. Erst eini­ge Jah­re spä­ter kam ich in Wein­zierl bei Lam­bach in Ober­ös­ter­reich auf die Welt. Still reif­te ein Whis­ky unbe­tei­ligt und distan­ziert vom gesell­schaft­li­chen Gesche­hen indif­fe­rent her­an. Rück­bli­ckend kom­men beim Ein­schen­ken in das Rona-Glas viel­fäl­ti­ge Gedan­ken an Men­schen, Gesprä­che und Gefüh­le zurück in die Erin­ne­rung. Wir wer­den uns bewusst, wel­ches gedank­li­che Poten­zi­al in dem Whis­ky ste­cken muss, wie er jetzt Ver­gan­ge­nes aus unse­rem Leben aufwühlt.

Die Augen sehen im Glas einen dun­kel­far­be­nen, ins rote bern­stein­far­be­ne Spek­trum hin­über­glei­ten­den Whis­ky mit einer kla­ren strah­len­den Erschei­nung, des­sen Natür­lich­keit die Licht­re­fle­xe der Mor­gen­son­ne ver­stär­ken. Gedan­ken an ein son­nen­ge­al­ter­tes Eiben­fur­nier bis hin zur Kas­ta­ni­en­scha­le kom­men auf. Asso­zia­tio­nen an einen alten Cognac wie auch die Maha­go­ni-Far­ben des oxi­da­tiv aus­ge­bau­ten Palo Cor­t­ado wer­den wach.

Wie mag er nach einer Rei­fe­zeit von acht­zig Jah­ren mit wel­chen Aro­men in die Nase strö­men? Dumpf oder frisch? Ist er fül­lig und fruch­tig? Wel­che Asso­zia­tio­nen ent­facht der Soli­tär? Prä­sen­tiert er sich kräf­tig und dicht mit vie­ler­lei Früch­ten in einer hohen Kon­zen­tra­ti­on gespickt? Erschei­nen beglei­ten­de Rauch­aro­men wie es frü­her zur Destil­la­ti­ons­zeit ein­mal üblich war?

Der Genuss

Gordon & MacPhail 80 Jahre Glenlivet 1940 Glas und SampleDas kräf­ti­ge Schüt­teln des 30 ml Pro­ben­fläsch­chens mün­det in eine hohe Schaum­kro­ne, die nach fünf­zehn Sekun­den schwin­det. Beim Öff­nen des Schraub­ver­schlus­ses und des sofor­ti­gen Rie­chens glaubt man in ein fri­sches Hogs­head von Cas­kno­lia ein­zu­tau­chen, das Küfer in einer Bode­ga in Jerez für 24 Mona­te mit einem Olo­ro­so Sher­ry für eine deut­sche Bren­ne­rei zur Befül­lung vor­be­rei­te­ten. Die Nase errei­chen voll-fruch­ti­ge Aro­men von gereif­ten Früch­ten. Es ist ein viel­schich­tig kon­zen­trier­tes Potpur­ri an kräf­ti­gen Gerü­chen, die frisch vom Alko­hol getra­gen in die Nase strö­men: rei­fe Zwetsch­gen wett­ei­fern mit Ein­drü­cken von Rosi­nen, Fei­gen und Nüs­sen. Vanil­le erscheint.

Welch eine ange­neh­me und über­zeu­gen­de Über­ra­schung nach acht­zig Jah­ren wohl­tem­pe­rier­ter, den­noch aus­ge­wo­ge­ner küh­ler Fass­la­ge­rung in einem feuch­ten und dun­keln Dun­na­ge Wareh­ouse. Kei­ne Muff­tö­ne stö­ren, kein Firn wie sie bei alten Rio­ja Wei­nen von Lieb­ha­bern gewünscht wer­den. Schwe­fel ist nicht! Das Holz hat den Whis­ky nicht erdrückt. Der Glen­li­vet erscheint viel­mehr erstaun­lich frisch mit Anflü­gen von Zitrus- und Oran­ge­zes­ten. Min­ze ver­mischt sich mit Alko­hol, der anfäng­lich kräf­ti­ger erscheint, als er tat­säch­lich ist. Die Ölig­keit ist aus­ge­prägt, die Schlie­ren sind nicht all­zu dicht sich anein­an­der­rei­hend. Mit respekt­vol­lem Abstand mean­dern die Legs in den Glas­kelch. Weich und sam­tig glei­tet der Malt die Zun­ge hin­ab. Süße setzt ein und lei­tet über in ein Früch­te­kom­pott mit einem kom­plex kräf­ti­gen Aro­men­strauss, der von leicht wür­zi­gen Noten und Anmu­tun­gen von Rauch lan­ge beglei­tet wird.

Das Eichen­holz der dicken Dau­ben domi­niert nicht, die Tan­ni­ne pro­du­zier­ten eine sehr mil­de wun­der­schö­ne Pfeff­rig­keit. Im lee­ren Glas über­rascht ein Gewürz­la­den mit dif­fu­sen Anflü­gen von Zimt Vanil­le und ande­ren Exo­ten. Dezen­ter, zurück­hal­ten­der Rauch erscheint. Die Zuga­be von Was­ser ist aller­dings nicht zu emp­feh­len, die Schär­fe nimmt zu. Sie bleibt sehr lan­ge prominent.

Eindruck

Lan­ge, sehr lan­ge bleibt der acht­zig jäh­ri­ge Glen­li­vet auf der Zun­ge und am Gau­men mit vie­ler­lei hei­mi­scher und exo­ti­scher Frucht prä­sent, der Nach­hall ist enorm, unend­lich dicht, viel­schich­tig volu­mi­nös. Span­nend, kraft­voll und den­noch ele­gant ver­spielt erscheint der Whis­ky aus der Spey­si­de. Beim ers­ten Riech­ein­druck könn­te das Alter nicht sofort inter­pre­tiert wer­den. Die Rari­tät erblüht jün­ger, jugend­li­cher als sie tat­säch­lich ist. Ande­rer­seits ist die har­mo­nisch inein­an­der über­glei­ten­de kom­ple­xe Struk­tur der Aro­men und Geschmä­cker ist ein Resul­tat der umsor­gen­den Rei­fe­zeit und vor­sorg­li­chen Pfle­ge. Der Whis­ky selbst ist ein genera­tio­nen­über­grei­fen­des Phä­no­men, denn jeder Trop­fen für sich öff­net am Gau­men neue sen­so­ri­sche Erleb­nis­se und ermög­licht so die Tie­fen­struk­tur, des von Gor­don & MacPhail über acht Jahr­zehn­te gehü­te­ten Spey­si­de Sin­gle Malt zu ent­de­cken. Der Glen­li­vet Sin­gle Malt ist eine emo­tio­nal und aro­ma­tisch sehr dich­te Once in a Life­time Experience.

Lei­der kön­nen nicht vie­le Men­schen die­ses Juwel schot­ti­scher Destil­lier- und Rei­fe­kunst goutieren.

Offizielle Tasting Notes

Der welt­be­kann­te Whis­ky-Autor Charles MacLean schreibt:

  • „Aus­se­hen: Tie­fes Umbra mit magen­ta far­be­nen Refle­xen; altes polier­tes Rosenholz.
    Nase: Kom­ple­xe, wei­che Nase, die nach all den Jah­ren immer noch dyna­misch ist. Kopf­no­ten von Man­del­öl und Duft­sei­fe, unter­legt von San­del­holz und Gins­ter­blü­ten an einem war­men Tag. Ein Hauch von Torf­rauch im lee­ren Glas.
  • Gau­men: Eine öli­ge Tex­tur und eine leich­te Süße im Auf­takt (Dat­teln, gesal­ze­ne Pflau­men, Fei­gen), die ele­gant abklingt (Spu­ren von tro­cke­nem Olo­ro­so-Sher­ry), hin zu einem lan­gen Men­thol-Abgang. Ein Trop­fen Was­ser erhöht die Würzigkeit.
  • Fazit: Kraft­voll und rund­um zufrie­den­stel­lend. Wahr­haf­tig, einer der bes­ten Mal­ts, die ich je ken­nen­ge­lernt habe.“

Meinungen

Die Frank­fur­ter Whis­ky-Iko­ne Gre­gor Has­lin­ger, Inha­ber des Whis­ky Spi­rits Shop in Sach­sen­hau­sen, mein­te nach der Präsentation:

„So strahl­te uns der 80-Jäh­ri­ge in dunk­lem Bern­stein ent­ge­gen und die Gäs­te konn­ten län­ger als eine hal­be Stun­de den nicht enden wol­len­den Duft­erleb­nis die­ses Trop­fens nach­spü­ren. Wäh­rend­des­sen hat uns Ste­phen Ran­kin die Geschich­te die­ses ein­zig­ar­ti­gen Fas­ses erzählt, bevor die Geschmacks­ex­plo­si­on im Gau­men ihren Lauf nahm: Eine unglaub­li­che Aro­men­fül­le, die zu beschrei­ben kaum mög­lich ist.“

Der Wies­ba­de­ner Whis­ky-Pro­mo­ter und Fach­händ­ler Tom Zemann sprüh­te nur so vor Freude:

„Das Bes­te, was ich je in der Nase hat­te und immer wie­der anders. Man muss ihm Zeit zum Atmen geben, ger­ne auch 2–3 Stun­den, das soll­te man ihm nach 80 Jah­ren im Fass ruhig gön­nen. Ins­ge­samt einer der TOP-3-WHISKYS, die ich je im Glas hatte!“

Ein ande­rer Gast, der in der deut­schen Whis­ky-Sze­ne sehr rüh­ri­ge Micha­el Gradl, Impor­teur, Fach­händ­ler und Mit­or­ga­ni­sa­tor der Nürn­ber­ger Whis­ky­mes­se The Vil­la­ge, brach­te sei­ne Ein­drü­cke auf den Punkt:

„Das waren 80 Jah­re flüs­si­ge Geschich­te im Glas. War schon echt bewegend…“

„Dass die­ser Whis­ky – der ältes­te jemals abge­füll­te Sin­gle Malt Scotch – mit einer Stär­ke von 44,9 % ABV immer noch so vol­ler leben­di­ger Aro­men ist, zeugt vom Wis­sen, das über meh­re­re Genera­tio­nen mei­ner Fami­lie wei­ter­ge­ge­ben wur­de“, freut sich Ste­phen Ran­kin mit berech­tig­tem Stolz.

Gordon & MacPhail 80 Jahre Glenlivet 1940 FlascheEin Kon­ti­gent des 80 Year Old Glen­li­vet Genera­ti­ons Sin­gle Malt wird Anfang Okto­ber über Kirsch Import erhält­lich sein. Der Ver­kaufs­preis für eine Karaf­fe mit 700 ml Inhalt und einer Desi­gner Umver­pa­ckung wur­de noch nicht ver­öf­fent­licht. Er wird im fünf­stel­li­gen Bereich lie­gen. Vor­be­stel­lun­gen sind über den Fach­han­del möglich.

Der Autor dankt Gor­don & MacPhail sowie Kirsch Import für das Pri­vi­leg der Teil­nah­me an der Prä­sen­ta­ti­on des 80-jäh­ri­gen Glen­li­vet Sin­gle Mal­ts im Le Pan­ther in Frank­furt am Main und den Erhalt eines Pro­ben­pa­kets. Einen detail­lier­ten Rund­gang durch die Glen­li­vet Distil­le­ry in Duff­town erlaubt die Web­site des Autors The Gate­way to Distil­le­ries: http://whisky-distillery.net/www.whisky-distilleries.net/Speyside_Glen-/Seiten/Glenlivet.html


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