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Whisky vom Discounter – was steckt hinter den Abfüllungen von Aldi, Lidl und Co.?


Sie tra­gen Namen wie Ben Bra­cken oder Black­stone, manch­mal auch schlicht Pure Malt Scotch. Sie kom­men mal aus der Spey­si­de, mal aus den High­lands und mal sonst­wo her. Sie sind mal älter und mal jün­ger. Sie haben nur eines gemein­sam: Sie sind billig.

Bild von Wiki­Images auf Pixabay

Gekauft wer­den sie offen­bar ger­ne und die Berich­te über die jewei­li­gen Ange­bo­te in mei­nem Blog waren immer die Arti­kel mit den meis­ten Kom­men­ta­ren. Die einen fin­den sie klas­se, die ande­ren schei­ße und wie­der ande­re wis­sen ganz genau, was drin ist. Wenn es nur so ein­fach wäre …

Ver­su­chen wir uns mal an einer dif­fe­ren­zier­te­ren Betrach­tung. Vie­le Destil­le­rien in Schott­land pro­du­zie­ren vor­sichts­hal­ber mehr Whis­ky, als sie für ihre Eigen­ab­fül­lun­gen benö­ti­gen bzw. der Mar­ke­ting­plan vor­gibt. Der Mas­ter Distil­ler und das Fass­ma­nage­ment kön­nen noch so gut sein, es gibt jah­res­zeit­li­che Schwan­kun­gen, es gibt undich­te Fäs­ser oder Beschä­di­gun­gen und auch immer mal Fäs­ser, die ein­fach nicht funk­tio­nie­ren. Und es gibt Expe­ri­men­te mit Fas­s­ar­ten, die nicht immer etwas erge­ben, was man unter dem eige­nen Namen ver­kau­fen möch­te. Es gibt die Blend-Indus­trie, die den größ­ten Teil des Mark­tes aus­macht, und in die dem­entspre­chend ein Groß­teil der Pro­duk­ti­on ein­fließt (nicht bei allen Destil­le­rien, aber bei vie­len). Und es gibt Mar­ke­ting­plä­ne, die den Bedarf in 10 Jah­ren ein­fach völ­lig falsch berechnen.

Daher gibt es in Schott­land einen schwung­vol­len Markt mit über­zäh­li­gen Fäs­sern. Man­che wer­den von den Destil­le­rien direkt an Pri­vat­leu­te ver­kauft, man­che direkt an unab­hän­gi­ge Abfül­ler, man­che an Zwi­schen­händ­ler, soge­nann­te Fass­bro­ker. Und man­che eben an die Discounter.

Die ent­schei­den­de Fra­ge ist: Wer sucht die Fäs­ser aus? Bei man­chen unab­hän­gi­gen Abfül­lern weiß ich, dass da jemand Fäs­ser durch­pro­biert und sich gezielt für drei ent­schie­den hat. Ob die­se dann aus einer Über­pro­duk­ti­on, einem Expe­ri­ment oder einer Fehl­ent­schei­dung stam­men kann mir völ­lig egal sein – ich ver­traue der Nase des­je­ni­gen, der sie aus­ge­sucht hat, und kann ihn oder den Impor­teur oder den Händ­ler im Zwei­fels­fall fra­gen, was mich erwar­tet. Oder ich lese im Inter­net in Com­mu­nities oder Foren die Ein­drü­cke von anderen.

Wer sucht für die Dis­coun­ter die Fäs­ser aus? Hier bege­ben wir uns nun auf das Feld der Spe­ku­la­ti­on, denn ich habe noch nir­gend­wo gele­sen oder gehört, wie genau das abläuft. Da es hier aber nur um den Preis geht und der Durch­schnitts­käu­fer sich kaum erin­nern dürf­te, wie die Fla­sche letz­tes Jahr geschmeckt hat, glau­be ich nicht so recht an eine auf­wän­di­ge Aus­wahl beson­ders guter Fäs­ser. Ent­we­der es wird jedes Jahr bei einem Fass­bro­ker gekauft was gera­de da ist. Oder es gibt fes­te Lie­fer­ver­trä­ge mit ein­zel­nen Destil­le­rien (bzw. den dahin­ter­ste­hen­den Kon­zer­nen), bei denen jedes Jahr eine gewis­se Men­ge abge­nom­men wird.

Da auf den Abfül­lun­gen nie eine Destil­le­rie genannt wird und auch das genann­te Alter immer nur das jüngs­te Fass angibt (kann auch alles älter sein!) bie­tet selbst eine Bezeich­nung wie „Ben Bra­cken 12 Jah­re“ reich­lich Spiel­raum für den Inhalt und dass als Regi­on zumin­dest in der Ver­gan­gen­heit „High­land Spey­si­de Sin­gle Malt“ drauf stand macht die Sache nicht bes­ser. Erst kürz­lich gab es bei Lidl unter dem Mar­ken­na­men Ben Bra­cken ein 30-Liter-Fass mit saar­län­di­schem(!) New Make zu kau­fen. Beim Black­stone von Aldi ist es auch nicht bes­ser – es gab ihn schon als Sin­gle Malt, aber auch als Cana­di­an Whisky.

Was heißt das nun? Whis­ky vom Dis­coun­ter muss nicht schlecht sein. Er muss auch nicht gut sein. Es muss nicht mal jedes Jahr das Sel­be drin sein. Im Inter­net kur­sie­ren Forums­bei­trä­ge, was in wel­chem Dis­coun­ter­whis­ky ent­hal­ten ist. Wer ist die Quel­le? Für wel­ches Jahr hat das gestimmt? Will Euch jemand weis machen, er hät­te es durch Pro­bie­ren her­aus­ge­fun­den? Macht mal ein Blind­tas­ting mit, dann wer­den Euch berech­tig­te Zwei­fel kommen.

Whis­ky beim Dis­coun­ter zu kau­fen ist ein Lot­te­rie­spiel. Man kann gewin­nen oder ver­lie­ren. Wenn Ihr par­tout nicht mehr aus­ge­ben wollt (oder könnt) und trotz­dem Whis­ky trin­ken möch­tet – pro­biert es. Wenn Ihr mischen, mixen oder damit kochen wollt – pro­biert es. Wenn Ihr einen nach­voll­zieh­ba­ren und vor allem auch nach­kauf­ba­ren Genuss erle­ben und die viel­fäl­ti­ge Welt der Sin­gle Mal­ts ent­de­cken möch­tet – das gibt es nicht beim Discounter.

Gute Ori­gi­nal­ab­fül­lun­gen aus allen Regio­nen, ob sanft oder kräf­tig, ob tor­fig oder nicht, gibt es bei den ein­schlä­gi­gen Online-Shops schon für rund 25–30 Euro. Beim Fach­händ­ler um die Ecke kos­tet es viel­leicht ein wenig mehr, dafür gibt es die Bera­tung dazu und man kann viel­leicht den einen oder ande­ren Dram auch mal pro­bie­ren und dann gezielt den Rich­ti­gen kaufen.

Apro­pos pro­bie­ren: Bei der Fran­chise-Ket­te Vom Fass gibt es eine durch­aus statt­li­che Anzahl von schot­ti­schen Sin­gle Mal­ts und Irish Whis­key. Die klei­nen Fäs­ser sind zwar Blend­werk (weil innen Kunst­stoff) und die Prei­se auf die Fla­sche hoch­ge­rech­net nicht wirk­lich güns­tig, aber 7 ver­schie­de­ne Whis­ky à 10cl sind eine ech­te Alter­na­ti­ve zu 70cl Ben Bra­cken, Black­stone oder was auch immer. Und als Geschenk sowieso.


Jörg Bechtold beschäftigt sich seit Ende der 90er Jahre mit Single Malt Whisky. Auf mehreren Reisen nach Schottland hat er Land und Leute kennen gelernt sowie viele Destillerien besucht. Seit 2002 betreibt er die WHISKYFANPAGE.DE, seit 2006 dieses Blog und ist außerdem als Referent für Whisky-Tastings tätig.

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